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Emerging Technologies Roundtable: Das modellbasierte Unternehmen

22. Juni 2022
In einem modellbasierten Unternehmen liefern datenintensive 3D-Modelle die vollständige Produktdefinition und werden unternehmensweit eingesetzt, um die Markteinführung, die Qualität und die Zusammenarbeit zu verbessern.

00:10 Willkommen beim Runden Tisch zu neuen Technologien. Heute spreche ich mit Sylvine Datry, Global Channel PLM Senior Director, und Brian Thompson, Divisional GM für Creo/CAD bei PTC, über modellbasierte Initiativen wie modellbasierte Definition und MBE (modellbasiertes Unternehmen) und wie diese Ihrem Unternehmen in allen Geschäftsbereichen zu mehr Prozessqualität und ‑effizienz verhelfen können.

00:41 Beginnen wir mit einer Darstellung des Kontexts. Was geht in der Welt der Technologie und Wirtschaft vor, das eine modellbasierte Strategie so attraktiv macht? Sylvine, mit Ihnen möchte ich beginnen. Sie verbringen viel Zeit mit Kunden. Können Sie uns sagen, was Sie von denen hören? Sicher, Mark. Bei unseren Kunden und im Feedback der Kunden bzw. der Partner der Kunden zeigen sich drei wesentliche Herausforderungen,

01:14 die sich auf Kosten, Qualität und Time-to-Market auswirken. Die erste ist die Effizienz. Es fehlt noch immer an guter Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Organisationen, Abteilungen geografischen Standorten und innerhalb des erweiterten Unternehmens. Diese mangelhafte Zusammenarbeit führt zu Herausforderungen bei der Nachverfolgbarkeit und bei der Suche nach den richtigen und aktuellen Informationen.

01:49 Ein weiterer Faktor ist die Kommunikation. Kommunikation ist eine Herausforderung, weil so viele Informationen vorliegen und es schwer ist festzustellen, was wichtig bzw. unwichtig ist. Auch das Format der Kommunikation ist eine Herausforderung. Wir haben 2D-Zeichnungen, 3D-Modelle, Text und E-Mails. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass wir alternde Belegschaften haben,

02:22 während sich junge Beschäftigte mit 3D-Modellen viel leichter tun. Die zweite Herausforderung der Industrie ist die Qualität. Wenn wir über Qualität sprechen, geht es neben Qualität auch um die Nichteinhaltung von Vorgaben. 2D-Zeichnungen sind schwer zu verstehen und können falsch interpretiert werden, was zur Nichteinhaltung von Vorgaben führt.

02:55 Außerdem erlebe ich, dass es schwer ist, zu erkennen, welches die kritischen Merkmale und Informationen im Hinblick auf die Qualität sind, und die Informationen über den Produktlebenszyklus hinweg zu verfolgen. Nicht zuletzt geht es bei der Qualität um das Fehlen eines geschlossenen Kreislaufs für das Qualitäts-Feedback. Gemeint ist die Fähigkeit, Anforderungen nachzuverfolgen

03:25 und über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg zu validieren. Die dritte Herausforderung ist die Time-to-Market, die sich wesentlich auf die Wettbewerbsfähigkeit von Kunden auswirkt. Es gibt eine Kluft zwischen technischer Entwicklung und Fertigung im Hinblick auf die parallele Fertigung. Man arbeitet immer noch in sequenziellen statt in parallelen Prozessen. Zudem gibt es viele manuelle Übergaben von der technischen Entwicklung an die Fertigung,

04:01 was Fehler verursacht und bewirkt, dass Informationen, die die Produktion für ihre Tätigkeit braucht, schwer zu finden sind. Dieser letzte Punkt wirkt sich spürbar auf die Wettbewerbsfähigkeit aus, denn bei Produkteinführungen kann es zu Verzögerungen kommen und das wird für die Kunden mittlerweile zu einem heiklen Thema.

04:32 Dazu haben wir richtig gute Erkenntnisse. Und eine lustige Geschichte: Die Tage habe ich mir zufällig ein paar meiner Archive angesehen und eine 2D-Zeichnung gefunden. Die habe ich meiner 15-jährigen Tochter gezeigt und sie fragte: „Dad, was ist das? Du machst doch alles in 3D und hier hast du eine Zeichnung.“ Sie verstand gar nicht, was sie da sah. Brian, wir haben schon miteinander über diesen ganzen Wechsel von 2D-Zeichnungen zu 3D-Modellen gesprochen.

05:02 Was hören Sie darüber? Ich bin sicher, Sie hören eine ganze Menge darüber. Ja, das stimmt. Der Kontext der Diskussion ist optimal deutlich geworden. Es war eine hervorragende Zusammenfassung all der Herausforderungen unserer Kunden. Und was wir jetzt endlich sehen, ist eine echte Chance für die Kunden, wirklich keine Zeit und Energie mehr auf abgeleitete 2D-Artefakte – denn genau das ist eine 2D-Zeichnung in der Regel – zu verschwenden, sofern in der 3D-Umgebung wirklich alles Nötige

05:34 für eine echte Zusammenarbeit und die Kommunikation aller Anforderungen an alle Beteiligten erfasst wird, um alle Probleme zu lösen, so wie Sylvine es dargelegt hat. Das 3D-Objekt muss sozusagen mehr Verantwortung übernehmen. Im Übrigen sind die Technologien jetzt vorhanden und die Kunden können sich, statt nicht-wertschöpfende Zeit für die Erstellung von 2D-Artefakten zu verschwenden, auf die Integration aller nötigen Informationen ins 3D-Modell konzentrieren, um alles Nötige für alle nachgeschalteten Stakeholder im Unternehmen zu erfassen, angefangen mit der Fertigung.

06:05 Aber eigentlich geht es um mehr als das. Was ich gerade beschrieben habe, würde man als modellbasierte Definition einstufen. Darüber hinaus erleben wir derzeit, dass sich die Kunden heute mehr auf das Modell fokussieren und überlegen, wie sie das Modell aufwerten und im Unternehmen gemeinsam nutzen können. Zudem sagen sie sich: „Moment, wir sollten andere grundlegende Arbeiten im Rahmen der technischen Produktentwicklung wie zum Beispiel Simulationen oder das Generieren von NC-Werkzeugwegen nicht auf Nischen- oder

06:39 punktuelle Lösungen verlagern, die nicht ins Kernmodell der technischen Entwicklung eingebunden sind. Wir sollten das alles innerhalb des Kernmodells der technischen Entwicklung, also im Herzen der Produktentwicklung, machen.“ Das nennen wir das Konzept der modellbasierten Produktentwicklung. Diesen Begriff werden Sie nicht im Internet finden, aber er ist eigentlich sehr wichtig, denn endlich gewinnt die modellbasierte Definition in der technischen Entwicklung an Boden. Den Kunden wird klar, dass hier Vorteile liegen. Und es wird ihnen klar, dass sie, gerade weil sie alles ins CAD-Modell hineinpacken können, dieses auch in allen ergänzenden und unterstützenden Prozessen nutzen sollten,

07:12 die ebenfalls Teil der technischen Entwicklung sind. Wir sehen also beides. Mark, Sie als PLM-Leiter, sind wahrscheinlich am besten von uns dreien in der Lage zu erklären, was die Erweiterung hinein ins übrige Unternehmen bedeutet. Wir haben von Sylvine aus Kundensicht davon gehört. Und wie sehen Sie die erweiterte Nutzung des Modells bzw. das modellbasierte Unternehmen? Wie sehen Sie das? Nun, Brian, als ehemaliger Ingenieur habe ich viel an Zeichenbrettern und in 2D gemacht. Das liegt weit hinter uns und ich denke,

07:47 aus PLM-Sicht kommt jetzt vieles zusammen und der eigentliche Wert wird deutlich. Dieser liegt nicht nur darin, was die Ingenieure leisten, sondern darin, wie diese Informationen an nachgeschalteten Stellen genutzt werden können. Und da gibt es drei Bereiche, die immer öfter zur Sprache kommen. Sie haben einige davon genannt, Sylvine. Nummer 1 ist der Qualitätsaspekt – die Möglichkeit, Qualitätsprozesse wie Nicht-Konformitätsprüfungen, FMEA-Analysen oder Koordinatenmessungen am 3D-Modell und seinen Merkmalen auszuführen,

08:17 also die Informationen dem Modell statt der Zeichnung zu entnehmen. Das ist die Nummer 1. Das zweite ist die Fertigung. Sylvine hat auch das angesprochen – die Übergabe von der technischen Entwicklung an die Fertigung. Anhand der kritischen Merkmale in einem 3D-Modell wie Bemaßungen oder Toleranzen kann man jetzt Prozesspläne entwickeln und Messungen durchführen. Es gibt also eine komplette Validierung, bevor das Produkt überhaupt in der Fertigung ankommt.

08:48 Und wenn man das einen Schritt weiter führt, bis in den Service, dann kann man die servicerelevanten Schlüsselmerkmale des Modells, beispielsweise die Toleranzen, an einem Bildschirm anzeigen. Oder denken Sie an eine AR-Darstellung. Man schaut sich etwas an und fragt sich, worauf die Ingenieure beim Entwurf hinauswollten. Warum haben sie gerade diesen Toleranzwert festgelegt? Das sind alles nachgeschaltete Schritte, eine sehr gute Sache. Aber wir sehen bei unseren Kunden auch eine interessante Tendenz hin zu vorgeschalteten Schritten

09:21 wie die Einbindung von Anforderungen oder Testspezifikationen. Im Hinblick auf Nachverfolgbarkeit und Einhaltung der Vorgaben können Ingenieure jetzt angeben, dass die Toleranz auf die Anforderung zurückgeht. Und was heißt das? Wenn diese sich ändert, wird die gesamte Wertschöpfungskette informiert. Wir haben alle diese Punkte zwar separat angesprochen. Aber wie Sie schon sagten, Brian, geht es bei der modellbasierten Produktentwicklung darum, eine ständige Kommunikation mit allen Stakeholdern in der Organisation aufrechtzuerhalten.

09:52 Kunden haben heute schon viel mehr Möglichkeiten. Von der Zeichnung wegzukommen, das ist ein Kreislauf. Eine der großen Fragen, die Kunden sehr interessiert, geht an Sie, Brian, und lautet: Wie fangen wir an? Einer der großen Mythen da draußen besagt, dass für die Ingenieure eine Menge Arbeit anfällt und der Wert nicht sonderlich groß ist. Wir haben schon über den Wert gesprochen.

10:22 Irgendwelche Überlegungen dazu? Ja, die Sache mit dem Mythos ist ein wichtiger Punkt. Oft stellen sich die Kunden die modellbasierte Definition als eine Art direkten Punkt-für-Punkt-Ersatz für alles vor, was sie in 2D machen. Diese Vorstellung muss man richtigstellen. Denn so ist es nicht und so soll es nicht sein. Wenn man nämlich so herangeht, dann bringt man Ineffizienzen in den Prozess ein, die nicht nötig sind. Stattdessen muss man überlegen, was das

10:53 Unternehmen tun muss, um die Absicht des 3D-Designs an all die nachgeschalteten Stakeholder zu übermitteln, die Sie gerade aufgezählt haben. Die Regeln dafür müssen andere sein, denn man ist nicht mehr darauf beschränkt, alles in 2D zu dokumentieren. Also müssen die Kunden von dem Standardmythos Abstand nehmen, dass sie mit dem gleichen Prozess arbeiten können wir vorher in 2D, indem sie ihn einfach auf 3D übertragen. Nein, davon muss man Abstand nehmen und einen neuen Prozess für die

11:25 Dokumentation und Bereitstellung von Inhalten in 3D nutzen. Dann zeigt sich, dass die 3D-Artefakte im Zentrum aller Abläufe am Ende weniger Arbeit machen. Aber das erfordert eine Prozessänderung. Kunden müssen bereit sein, ihre Prozesse zu ändern. Das spart letztendlich Arbeit, weil es keine oder fast keine abgeleiteten Informationen gibt, die ins Modell integriert werden müssen. Alles, was ins Modell hineingehört, sollte sowieso drin sein, damit es in der Konstruktion sinnvoll genutzt werden kann. Genau. Als Erstes muss man verstehen, dass eine Prozessänderung nötig ist. Das muss man akzeptieren und ein Team zusammenstellen,

11:55 das die Vorteile in einem kleinen Bereich demonstrieren kann, sodass sich im Unternehmen schnelle Erfolge zeigen, die den Nutzen belegen. Dazu muss man bereit sein. Wir haben das bei vielen Kunden gesehen und diese verzeichnen inzwischen erste große Erfolge. Sehr gut. Die Prozessänderung ist also eine große Sache, richtig? Sylvine, ich möchte Ihnen diese Frage ebenfalls stellen: Ist auch in den Unternehmen, mit denen Sie sprechen, das Änderungsmanagement in der Organisation anfangs eine große Sache? Möchten Sie zu diesem Thema etwas sagen?

12:28 Ja! Ich möchte sagen, dass es wichtig ist zu bedenken, dass wir nicht nur Tools implementieren, sondern dass wir Tools implementieren, Prozesse optimieren und die Arbeitsweise der Beschäftigten ändern. Und das heißt, wir müssen bei der Implementierung solcher Initiativen die Tools, die Prozesse und die Menschen im Blick haben. Deswegen ist die Dimension der Veränderung so wichtig. Wir müssen auf die Benutzerakzeptanz achten.

13:01 Ich möchte ein paar Best Practices von Kunden ansprechen, nämlich mit einem kleinen Projekt zu beginnen, wie Brian schon sagte. Die Empfehlung lautet interessanterweise, mit einem 3- bis 4-Personen-Projekt von höchstens drei Monaten Dauer zu beginnen, nur um ein paar Kennzahlen zu nennen,

13:31 und Out-of-the-box-Lösungen zu verwenden. Das sind die Erfolgsfaktoren, die den Kunden echte Erfolge bringen. Und wenn sie ein solches Projekt durchgeführt haben, können sie den Nutzen messen und dann das Projekt skalieren, also die Initiative auf das gesamte Unternehmen, die gesamte Wertschöpfungskette ausdehnen. Das ist das Feedback, das ich zur

14:02 Implementierung solcher Initiativen bekomme. OK. Mir gefällt ein Punkt, den Sylvine genannt hat: Standardtechnologie zu nutzen. Allzu oft passen Kunden die Technologie an, um ein Pilotprojekt durchzuziehen, und dann haben sie Schwierigkeiten, die Lösung auf das übrige Unternehmen zu skalieren. Zwar ist das übrige Unternehmen sehr an den MBE-Vorteilen interessiert, die erzielt wurden. Aber man hat wegen der angepassten Technologie Schwierigkeiten zu skalieren, wenn die angepasste Version im übrigen Unternehmen ausgerollt und langfristig gepflegt werden soll.

14:34 Sylvine hat einen wirklich wichtigen Punkt angesprochen. Das Skalieren ist viel einfacher, wenn man Standardtechnologie nutzt. Ja. Ich denke, das ist ein wirklich wichtiger Punkt, den wir betonen müssen. Weitere gute Hinweise waren Prozessänderung und die möglichst weitgehende Nutzung von Out-of-the-box-Lösungen. Klein anzufangen, dann zu skalieren und bei Standardtechnologie zu bleiben, damit man wachsen kann, das ist der Schlüssel. Danke, dass Sie das herausgearbeitet haben. Ich denke, unsere Zeit geht zu Ende.

15:04 Wir könnten noch viel länger reden, aber ein paar Dinge sind klar geworden. Natürlich gehört der modellbasierten Konstruktion, dem modellbasierten Unternehmen und der modellbasierten Produktentwicklung die Zukunft. Es ist ein Prozess: die Tools, die Technologien, die Beteiligten, das Änderungsmanagement in der Organisation, die Nutzung von Out-of-the-box-Lösungen. Schafft man es, bringt das viele Vorteile. Das war heute ein gutes Gespräch mit Ihnen beiden! Sylvine, vielen Dank, dass Sie remote dabei waren und Ihre Erkenntnisse an uns weitergegeben haben.

15:34 Und danke an Sie, Brian, dass Sie bei mir hier im Studio waren. Es war mir eine Freude, Sie beide heute hier zu haben. Auch mir war es eine Freude, Mark und Brian. Es war gut, Sie zu sehen, Sylvine. Und zum Schluss möchte ich auch dem heutigen Publikum danken. Ich hoffe, es war interessant für Sie! Für uns war es das auf jeden Fall, mit Ihnen über diese neuen Technologien und die Rolle der modellbasierten Konstruktion und des modellbasierten Unternehmens zu sprechen. Nochmals vielen Dank! Alles Gute!

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