Digitalisierung mal unter uns – der Mensch 4.0 im Zentrum der industriellen Revolution

Verfasst von: Marvin Stautz
  • Augmented Reality
  • 7/23/2019
  • Lesezeit : 5 Minuten
Mit der Industrie 4.0 entsteht auch der Mensch 4.0

Die vierte industrielle Revolution ist in vollem Gange und wir sind mittendrin. Gerne gerät aus dem Fokus, welche Auswirkungen die ganze Technik auf uns Menschen und unser Zusammenleben hat. Analog – welch unpassendes Adjektiv bei diesem Thema – analog zur Industrie 4.0, möchte ich heute mit Ihnen über den Mensch 4.0 sprechen. Der, den ich gerne auch als Smart Connected Human bezeichne, entwickelt sich nämlich keinesfalls zum stumpfsinnigen Cyborg, sondern wird vom Internet-of-Trubel ganz schön mitgenommen. Aufschluss darüber, dass wir längst smart und connected sind, gibt allermindestens schon die Smartphone-Durchdringungsrate, welche im Jahr 2019 weltweit bei über 80% liegt. Welche Auswirkungen das hat, schauen wir uns pro Individuum und im gesellschaftlichen Gesamtüberflug an. Dabei möchte ich so gut es geht, Bereiche wie die neue Arbeitswelt oder Smart Manufacturing umschiffen, auch wenn diese natürlich per Definition tangiert werden. Abgerundet wird mein realitätsnaher Ausflug von ein paar Ratschlägen dazu, wie Sie die Menschen 4.0 mitsamt Ihres Unternehmens zum Erfolg führen.

„Geister die ich rief...“ oder „Technik die begeistert“? – Smart

Kleine und große technische Helferlein in unserer unmittelbaren Umgebung treffen bei der Menschheit schon immer auf Begeisterung. Heute spielt Siri für mich Musik, den Garten pflegt der Robomäher und doofe repetitive Aufgaben bei der Arbeit werden mir ebenfalls von Metall, Kabeln, Hydraulikflüssigkeit und/oder einem Algorithmus abgenommen. Eigentlich super – doch werden wir überhaupt noch gebraucht?

Wenngleich die empirische Sozialforschung sich weiterhin uneins ist, ob der Nettoeffekt auf den Arbeitsmarkt nun äußerst negativ oder positiv ausfällt, sind wir uns einer Sache recht sicher: es gibt Fachkräftemangel! Woran fehlt es? Ah, an der richtigen Ausbildung, den passenden Skills, quasi etwas Intellekt oder physischer Qualifikation. Wieso schließen wir diese Lücke nicht einfach mit Technik statt uns von dieser komplett verdrängen zu lassen? Wie das Digitale den Menschen heute und in Zukunft gerade im industriellen Umfeld unterstützen kann, dazu geben Romero et al. eine spannende Abhandlung und unterscheiden zwischen diesen Herangehensweisen den Arbeiter zu tunen:

Healthy Operator

Zum Schutz und zur optimierten Auslastung des Arbeiters trägt er oder sie ein Wearable, das Gesundheitswerte aufnimmt, beispielsweise ein Fitnessarmband. Hier müssen natürlich sinnvolle Regulierungen zum Datenschutz getroffen werden.

Smarter Operator

Der Mitarbeiter nutzt einen intelligenten persönlichen Assistenten (engl. Intelligent Personal Assistant, IPA). Dieser IPA ist zwar künstlich intelligente Software auf einem mobilen Endgerät, kann aber mithilfe von Spracherkennung bedient und so um hilfreiche Informationen gebeten werden, ohne dass der Arbeiter die Hände am Gerät halten muss.

Analytical Operator

Hier bezieht der Mitarbeiter über eine intelligente Auswertung zusätzlich eine gigantische Menge an Daten in Echtzeit, die aus verschiedenen komplexen Systemen an die Software übertragen werden.

Virtual Operator

Für die Simulation oder das Testen von neuen Produkten oder Anlagen sowie zur Schulung des Mitarbeiters erhält er oder sie mithilfe von Smart Glasses den Einblick in eine exakt der Realität entsprechenden virtuellen Umgebung.

Augmented Operator

Mithilfe eines mobilen Endgeräts kann der Arbeiter seine physische Umgebung mit Informationen oder auch virtuellen Elementen ergänzen. Tatsächlich birgt gerade diese Verschmelzung der physischen und digitalen Welt signifikantes Potential für verkürzte Wartungszeiten, Qualitätssicherung, Schulungseffizienz und Wissenstransfer.

Collaborative Operator

Damit ist ein Mitarbeiter gemeint, der mit einem Collaborative Robot (CoBot) ein Team bildet, wobei der CoBot die repetitiven und ergonomisch ungünstigen Teile der Arbeit verrichtet.

Social Operator

Hierbei soll die Technologie in Form von sozialen Netzwerken ganz explizit die zwischenmenschliche Kommunikation unterstützen, da es erste Studien dazu gibt, dass ein Wissenstransfer allein über Informationssysteme weniger effektiv ist als mit der persönlicheren Komponente in sozialen Netzwerken. Eine anders gelagerte Anwendungsform von sozialen Netzwerken ist die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine wie auch CoBots, z.B. zum Austausch von Informationen.

Welchen Beitrag wir selbst leisten – Human

Geht es um die Überwindung von Hürden in der Digitalisierung sind viele Mitarbeiter, egal ob jung oder alt, wesentlich versierter als vermutet. Dies hängt mit ihrer Nähe zu Prozessen zusammen. Sie wissen um die Schwierigkeiten mit Konnektivität zwischen Menschen und Maschinen, können identifizieren, welche Daten ihnen für brauchbare Entscheidungsgrundlagen fehlen. Hier schlummert häufig viel ungenutztes Potential.

Auf jeden Fall bedarf die Bedienung von mehr und mehr Technik im Umkehrschluss wiederum die große Bedeutung eines hohen Qualifikationsniveaus. Außerdem ist es zwingend erforderlich, im Takt von Wimperschlägen große Mengen an Informationen abzuarbeiten. Das, was einem nicht die künstliche Intelligenz vorkaut, benötigt gutes Bauchgefühl.
Besonders profitieren hier Personen mit einem hohen Maß an Empathie für Menschen und Einfühlvermögen für Systeme und Maschinen. Umgekehrt bedarf es auch der Gabe guter Kommunikation, um sich selbst sichtbar zu machen. Der Mensch 4.0 ist Zuschauer und Darsteller der Extraklasse zugleich (Panoptikum vs. Theater). Er ist Informationssommelier und Marketingspezialist. Tagesaktuell fällt er Entscheidungen von nicht immer nur banaler Tragweite, was auch eine ganz neue politische Dynamik erzeugt.
Wie sich die Verbindung von dem Sozialen und dem Verbundensein, also quasi dem Netzwerken, auf unsere Gemeinschaft noch auswirkt und welche Vorzüge und eventuell auch Bedenken sich daraus ergeben, werden wir nachstehend noch etwas genauer beleuchten.

Zusammenleben gestalten – Connected

Kaum ein Merkmal neuer Technologien gibt uns ein so starkes Gefühl globaler Zusammengehörigkeit wie die zunehmende Zahl an immer offenen multilateralen Kommunikationskanälen. Der Mensch der industriellen 4.0 Generation lebt in nicht nur einem, sondern gleich mehreren virtuellen Netzwerken parallel. Dies hat eine Vielzahl von Implikationen.
Das Gefühl, zu einem großen erdumspannenden Kollektiv zu gehören, schafft Anreize für neue Arten der Verbundökonomie, welche Basis für zahlreiche Sharingkonzepte ist. Dadurch können physische Ressourcen effizienter genutzt und Lebenshaltungskosten des Einzelnen reduziert werden.

Im Unternehmenskontext nimmt die Zahl der Schnittstellen zu. Angehörige verschiedenst gelagerter Unternehmensbereiche können sich multilateral und in Echtzeit abstimmen. Das Gehirn der Firma schließt dadurch weitere Synapsen, Entwicklungen können von der Denkkraft aller Mitarbeiter profitieren. Dies begünstigt wiederum die Produktivität.
In dieser vernetzten Welt ist die Aufmerksamkeit eine Währung mit inflationär ansteigender Bedeutung. So kann theoretisch jeder – und viele möchten das sicher auch – Influencer oder Brand-Ambassador werden, was nicht länger den besonders Schönen, Reichen und Berühmten vorenthalten bleibt.

All jene und viele weitere Entwicklungen führen zu einem exponentiell wachsenden kognitiven Data Load, der sich schätzungsweise bis 2025 etwa versechsfachen wird. Die Informationsfülle versetzt uns in die Lage, besser abgewogene Entscheidungen zu treffen. Volkswirtschaftlich betrachtet waren wir wohl noch nie so nah an einem perfekten Markt mit vollkommener Information und minimalster Unsicherheit bei Kaufentscheidungen dran – oder?

In Wirklichkeit schweben wir irgendwo zwischen ausgefeilter Beweislage und extremer Unsicherheit. Das Digitale kann frei machen, doch irgendwie sind wir davon auch abhängig. Der Chef kann seine Mitarbeiter sekundengenau überwachen, ist gleichzeitig aber ungemein von einem offenen Umgang miteinander abhängig. Starre Hierarchien gehören der Vergangenheit an, Denkweisen müssen orchestriert und nicht gleichgeschaltet werden.

Die tägliche Begegnung und der Umgang mit unseren Mitmenschen, Kollegen und Mitarbeitern ist die Inkarnation einer Welt 4.0.

Dem Smart Connected Human begegnen anstatt seine Existenz zu verschleiern

All dieses macht klar, dass der technologische Tiefschnitt 4.0 hautnah erlebbar ist. Da begegnen wir einer neuen menschlichen Dynamik, das erfordert Mut und Tatendrang. Denn der Mensch 4.0 ist gekommen, um zu bleiben. Je nach Perspektive schwankt der Blick deutscher Entscheider hingegen "irgendwo zwischen Euphorie, Weltuntergangsstimmung und schlichtem Desinteresse". Rein akademisch ist man sich da längst wesentlich einiger.

Man muss Wollen wollen und nicht warten, bis man Müssen muss“ hat auch Dr. Gunter Dueck auf der ZVEI Jahresversammlung 2016 in seinem Vortrag zum Menschen 4.0 gesagt. Nur wer sich adäquat vorbereitet und Smart Connected nicht nur als Diagnose, sondern vor allem als Rezept zum Unternehmenserfolg begreift, wird den Sprung auf die nächste Stufe schaffen und als Gewinner der digitalen Disruption hervorgehen.

Vertrauen und mehrwertorientiertes Denken sind die Tragestruktur in der Begleitung zum nächsten Industrie-, Prozess – und Menschheitslevel. Ohne eine Unternehmenskultur, die Voraus-, Andersdenken und Innovationsgeist belohnt, und Scheitern zulässt, werden wir uns ökonomisch und damit auch machtpolitisch in Europa in eine Abwärtsspirale bewegen. Wer zu engstirnig arbeitet und immer nur die Ideen befördert, welche am besten zum bestehenden Unternehmenskonzept passen wird zuweilen die Revolution verschlafen. Nicht umsonst gehört es selbst für die Bundesregierung zum guten Ton, sich mit externen Beratern zusammenzusetzen, Gigafirmen treffen sich längst regelmäßig mit Start-Ups zur Befruchtung durch frisches Gedankengut.

Wer smarte Menschen für sich gewinnen will, muss bereit sein, ihrer Inspiration Raum zu geben. Umgekehrt lohnt es sich auch dort nach validen 4.0 Konzepten zu suchen, wo Sie es bisher noch gar nicht vermutet hätten. Jedes Element der Wertschöpfungskette kann einen starken Beitrag zu einer gewinnbringenden Transformation leisten. Auch wenn eine gute Fehlerkultur nicht als Freischein zum Mistbauen verstanden werden sollte; Scheitern zu dürfen muss als zentraler Bestandteil des Lernen Wollens argumentiert werden.

Sie haben das Gefühl, Ihnen fehlen tragbare Ideen um Ihr Unternehmen auf das nächste Level zu heben? Sie wollen nicht erst scheitern, um zu lernen? Lassen Sie sich im Rahmen eines Innovation-Days bei lockerer Atmosphäre neu inspirieren. Lohnenswerte Einfälle garantiert – versprochen! Als weiterführende Information zum Smart Connected Human in der Industrie empfehlen wir Ihnen außerdem diesen aktuellen Bericht zum neurologischen Hintergrund von Augmented Reality.

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Über den Autor

Marvin Stautz

Marvin Stautz ist für die Betreuung von Kunden und das Management des Ökosystems im zentraleuropäischen Electronics & High Tech Markt verantwortlich. Dabei zählt es zu seinen täglichen Aufgaben, zusammen mit Unternehmen Wege zu entwickeln, um Herausforderungen wie dem demographischen Wandel, zunehmender Digitalisierung & Vernetzung sowie dem Druck zur Umweltverantwortung zu begegnen. Zur Zeit fokussiert sich Marvin auf Themen und Technologien, die wertschöpfend an der Schnittstelle zwischen Menschen, Industrie und Maschinen wirken. Privat interessiert sich Marvin auch für soziale Dynamik und Physiologie. Außerdem treibt er regelmäßig Sport, darunter Gewichtheben und Joggen, probiert sich gerne in neuen Dingen wie dem Paragliding oder Krav Maga aus.

Digitalisierung mal unter uns: der Mensch 4.0
Der ein oder andere hat es vielleicht schon an sich selbst beobachtet: Auch der Mensch entwickelt sich im Zuge der industriellen Revolution weiter. Was genau den „Smart Connected Human“ in Industrie und Gesellschaft ausmacht, wird im aktuellen Blogpost skizziert.